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Wasserballett auf dem Müggelsee
Samstag, 30. Dezember 2006 04:00 - Von Norbert
Gisder
Der Antrieb gilt als Sensation des Jahres: Ein
joystickgesteuerter Motor, der das damit ausgerüstete Sportboot gradgenau in
jede Richtung manövriert.
Der Antrieb gilt als Sensation des Jahres: Ein
joystickgesteuerter Motor, der das damit ausgerüstete Sportboot gradgenau in
jede Richtung manövriert. Ob quer, vorwärts/rückwärts oder diagonal. "Inbord
Performance System" (IPS) heißt dieses neue System von Volvo, das auf der Kraft
von zwei ziehenden Propellern beruht. Diese Art der Fortbewegung auf dem Wasser
hat es bisher noch nicht gegeben.
Wir haben das Aggregat in der Galeon 390 Fly auf dem
Müggelsee im Südosten von Berlin getestet. Es ist zunächst kaum mehr als ein
tiefes, sattes Brummen, fast noch übertönt durch Blubbern der Luftblasen unter
dem mächtigen Schiffsrumpf: Die 3,74 Meter breite Yacht aus der polnischen
Nobelwerft PPHU Galeon aus Straszyn bei Danzig schiebt sich aus ihrem nur zehn
Zentimeter breiteren Stand im Yachthafen des Wassersportzentrums Berlin in
Köpenick. Millimetergenau navigiert der Skipper das 39-Fuß-Schiff (11,76 Meter
lang) an den Festmacherdalben vorbei und rückwärts aus dem Hafenbecken hinaus.
Während der Marschfahrt von 10 km/h, die auf der Müggelspree zugelassen sind,
sind die zwei mal 310 PS-Volvo-Penta-Motoren mit IPS-Antrieb fast überhaupt
nicht wahrnehmbar. Draußen, auf dem Müggelsee, trotz der nur leichten Winde, ist
der sonore Klang der beiden Sechszylinder weniger laut als das Klatschen des
Bootskörpers auf die flachen Wellen. Der Skipper gibt Vollgas und das hausgroße
Motorschiff wird innerhalb von 100 Metern in Gleitfahrt versetzt. Jetzt rauschen
wir mit 58 km/h über den Müggelsee.
Innovationen im Bootsbau sind jedes Jahr die Höhepunkte der
Messen. Diese aber, die wir hier soeben fahren, gilt schon mit dem ersten
Schiff, in das sie eingebaut wurde, als eine Sensation: Das IPS-System
kombiniert die Vorteile des (starren) Z-Antriebs und des Saildrive, spart 25
Prozent Kraftstoff, erhöht den Wirkungsgrad der Motoren. Von den zwei mal 310 PS
im Motor kommen zwei mal 288 PS an der Schraube an. Das Beste aber: Auch ohne
Bug- und/oder Heckstrahlruder lässt sich das Sportboot in quasi jede Richtung
bewegen: Vor- wie rückwärts, seitwärts, aber eben auch in jede Diagonale. Die
IPS-400-Maschinen treiben die ziehenden Propellerpaare an, die die jeweils 217
kW ins Wasser bringen. Damit wird ein Vortrieb, den man in diesem Fall Vorzug
nennen kann, von knapp 6 kn (mal 1,852 = km/h) schon bei 1000 U/min, fast 10 kn
bei 2000 U/min und bereits 25 kn bei 3000 U/min. voll beladen und dann gut elf
Tonnen schwer zum Kinderspiel, wie wir selbst messen konnten. Bei 32 kn Fahrt
oder 58,5 km/h ist Schluss. Vollast. Selbst jetzt noch ist das Motorgeräusch
leiser als die Schläge der robusten GFK-Schale aufs Wasser.
Es ist ein ruhiger Tag auf dem Müggelsee: Bei Top-Speed und
zwei Motoren, die elf Tonnen samt Besatzung im Flüsterton über den See
peitschen, legen wir das Steuerrad nach links um. Nach dreieinhalb Vollkreisen
sind wir am Anschlag und der hochseetüchtige Koloss legt sich mit bis zu 25 Grad
Krängung auf seine Backbord-Seite. Zieht seine Kreise immer enger. Bald klatscht
der Rumpf in die eigene Hecksee, die sich in der Mitte des knapp 50 Meter
messenden Vollkreises wie das Rauwasser im Bodden bei Starkwind aufsteilt. Doch
von ihrem Komfort verliert die Fahrt nichts. Der strömungsgünstige Bug schneidet
sanft ins Wasser, die Schrauben belüften das wintergraue Nass des Südens. Ruder
hart steuerbord und Fahrt rechtsherum: Nein, dieses Schiff hat keine "schöne"
und keine "weniger schöne" Seite, nach beiden zieht sich der Vollkreis unter
Vollast gleich eng. Wir haben vom Joystick auf die Motor-Gashebel umgeschaltet.
Das erleichtert das abrupte Aufstoppen.
Dabei steht das schwere Schiff so schnell, dass man
Mitreisende vorher warnen sollte. Und wer auf der Badeplattform oder auf dem
Heck Platz nimmt, sollte Gummistiefel tragen. Denn die von hinten anrollende See
des Kielwassers flutet im nu das edle Teakdeck, das den Motorraum schützt.
Hinein kommt trotzdem nichts. Der Motorraum ebenso wie die
geschlossene Kajüte bleiben fußtrocken. Das beruhigt. Der Einstieg der Hecksee
ins Achterschiff wäre sonst ein konstruktiver Mangel. Zwischendurch: Aufwärmen
im edlen Interieur der polnischen Luxusyacht, die keinen Vergleich mit
Nobelwerften aus England, Frankreich, Skandinavien oder den USA in dieser Klasse
scheuen muss. Ein Test steht noch aus: Kann man mit dem Joystick das Schiff
tatsächlich auch bei Seitenwind in jede Richtung und mit jeder Drehung übers
Wasser führen? Ein Knopfdruck auf die wasserdichte Joystick-Kinematik - und von
den Motor-Krafthebeln wird der Vortrieb weg, hin zum joystickgesteuerten
IPS-Modus geführt. Den Stick nach links geschoben - das Schiff fährt nach links.
Und zwar so wie andere, die mit Bug und Heckstrahlruder zugleich getrieben
werden, nur viel eleganter, auch leiser, weil eben sehr vornehm gezogen. Drehung
und Vollkreis bei gegenläufig eingestellter Zugkraft der Schrauben: 13 Tonnen
Luxus drehen sich wie eine Ballerina. Diagonal vor- oder rückwärts. Kein
Zweifel: Mit diesem Antrieb kann der gewiefte und übrigens auch schnell
trainierte Skipper jede Richtung ansteuern, gleichgültig ob mit, ohne oder auch
gegen den Wind (siehe Grafiken Mitte links). Unter Deck schauen wir uns das
Alcantara, die Echthölzer, die umfangreiche Elektronik und die
Sicherheitstechnik an, all den Luxus, den der genießt, der ab 307.000 Euro für
die 11,70 Meter lange Edelyacht aus der von Wieczyslaw Kobylko geleiteten
PPHU-Werft auf den Tisch blättert. Wir sind auf Marschfahrt zurück in den Hafen.
Der Motor ist nicht zu hören.