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Testfahrt mit dem Kurvenfeger
Samstag, 20. September 2003 04:00 - Von
Norbert Gisder
Knapp überm Erdboden: Der speziell für
den tiefen Schwerpunkt ausgelegte V10-Mittelmotor des Porsche Carrera GT treibt
eine Kurbelwelle, die 98,5 Millimeter über dem Fahrzeugboden liegt - Rekord für
Straßenrennwagen
Alle IAA-Stars werden dieser Tage bei ersten Tests
vorgestellt. Aber - wie heißt es so schön? - einer muss in Führung gehen. Bei
den Supersportlern ist das der Porsche Carrera GT. Wir fuhren ihn auf dem
einstigen Militärflugplatz in Groß-Dölln - mit Walter Röhrl.
Reifen quietschen. Kilometerweit ist das Schreien der
hinteren, 34,5 Zentimeter breiten Gummiwalzen auf 20-Zoll-Felgen auf den
Betonplatten zu hören. Der Gestank des Abriebs zieht beißend übers Heidegras zu
der Gruppe hinüber, die zuschaut - und staunt: Mit weit über 200 km/h auf dem
Tacho war der rote Pfeil auf den Flugzeughangar zugerast. Große Keramikscheiben
bremsen 1380 Kilogramm Hochtechnologie plus Pilot und Co kaum 60 Meter vor dem
Bunker auf 120 km/h herab. Herabschalten in den 2. Gang und in den Lenkeinschlag
hinein schon wieder Vollgas geben sind eins: Das Heck des Supersportwagens
bricht aus, will den Fahrer überholen, der mit größter Routine und feinstem
Gefühl gegenlenkt und den schnellsten Porsche aller Zeiten in die 180-Grad-Kurve
vor dem Shelter driften lässt.
Zentimeter vor der Gruppe der Zuschauer kommt der Carrera
GT zum Stehen. Ein bleicher Co-Pilot steigt aus. "Der nächste, bitte", sagt
Walter Röhrl. Ich bin dran.
Fahren mit Walter Röhrl heißt: Fahren mit dem "Rennfahrer
des Millenniums" (wozu er von Kollegen im Jahr 2000 gewählt wurde). Fahren mit
Walter Röhrl im Porsche Carrera GT heißt, Adrenalin in großen Mengen
auszuschütten.
Der eigens für die erste Fahrvorstellung des Porsche
Carrera GT abgesteckte Handlingskurs auf dem ausgedienten russischen
Militärflugplatz in Groß Dölln liegt vor uns. "Wir machen das ganz ruhig", sagt
der baumlage Kerl hinterm Steuer, "ich bin nicht profilierungssüchtig." Noch
während seiner Worte, gesprochen mit der Ruhe einer Kanzelpredigt, hat Röhrl auf
120 beschleunigt, die erste enge Links-Rechts-Kombination durchfegt und steuert
mit Vollgas und 172 km/h auf eine enggezogene 90-Grad-Rechtskurve zu, die auf
die Slalomgerade führt. "Sie sehen: Die Traktionskontrolle ist eingeschaltet,
klar, dass das Auto nicht ausbrechen kann."
Spurstabil wie auf Schienen rasen wir einen Lidschlag
später mit Tempo 220 auf die Gerade zwischen den zwei Pylonen hindurch, die das
Ende des Handlingkurses markiert. Die Vollbremsung bringt den Wagen in kaum 100
Metern zum Stehen. "Alles klar?"
Ich freue mich, dass ich nicht tot bin und nicke. Die
Rückfahrt beginne ich zu genießen. Die Gruppe hinter der 180-Grad-Kurve vor dem
Hangar schießt an uns vorbei. Die Links-Rechts-Kombination und die folgende
linke Kurve fetzen. Bei Tempo 168 mit der schaufelgroßen, behaarten rechten
Pranke so ruhig gestikulierend, als dirigiere er einen Chor alter Männer,
erklärt Röhrl: "Der Kurveneingang ist der langsamste Punkt. Von dort aus muss
man so zügig wie möglich beschleunigen, um das Auto zu stabilisieren." Der
mehrfache Rallye-Weltmeister und vierfache Monte-Carlo-Sieger strahlt eine Ruhe
aus, die klar macht, was es alles zu lernen gibt, wenn man die Leidenschaft zum
Beruf ausbaut - vorausgesetzt, man hat die Begabung dazu. Röhrl hat sie. Bei 172
km/h vor dem Scheitel der 90-Grad-Rechtskurve drückt er, das Steuer mit links
führend, mit der Rechten auf einen Knopf. "Nun schalten wir die
Traktionskontrolle mal ab und nehmen dem Wagen die Seitenführung." Vollgas.
Dasselbe brachiale Quietschen wie eben legt sich über die Landschaft, als die
Reifen, jetzt ohne Seitenführung, durchdrehen, das Heck ausbricht. Gefühlvoll
gegensteuernd, lässt Röhrl uns durch das Halbrund driften. "Irgendwann hört das
Rutschen auf, eine hundertstel Sekunde vorher stelle ich die Lenkung wieder
gerade" - wir rollen aus, stehen.
Auf der Rückfahrt genieße ich nun auch das Driften und die
hohe Kunst der Professionalität, mit der dieser große Junge am Lenkrad die
Freude am Fahren auslebt, aus zehn Zylindern bei 8000 U/min 612 PS herausholt,
mit 230 km/h auf einen haushohen Airport-Shelter zurast, abbremst, herabschaltet
bis in den 2. Gang, mit Vollgas die Hinterräder aus der Spur schmieren und den
Wagen um die letzte 180-Grad-Runde driften lässt, um erneut, Zentimeter vor der
Gruppe, zum Stehen zu kommen.
Wie mager kommt mir - angesichts dessen - der Selbstversuch
vor, den ich zuvor auf der 3,5-Kilometer langen Ost-West-Piste des Flugplatzes
gestartet hatte: Von 0 auf 100 in unter 4 Sekunden fahren, einmal 200 km/h in
weniger als 10 Sekunden durchschießen, bei Tempo 280 eine Maschine kommandieren,
die immer noch beschleunigt, ohne zu schwächeln . . .
Sicher, es fühlt sich unglaublich an, wie man in die
Schalensitze gedrückt wird. Wie hineingegossen. Die Landschaft fliegt vorbei,
die mehr als 100-Meter breite Piste scheint sich zum Nadelöhr zu verengen, es
ist, als wolle das Gerät jeden Augenblick abheben - was glücklicherweise nicht
geht: Der Flügel auf dem Heck sorgt für brachialen Anpressdruck auf die
Antriebsräder hinten. Und der völlig karbonverkleidete Unterboden baut dank der
Rennwagengeometrie und der Strömungskanäle einen Ansaugeffekt auf, der die knapp
1,17 Meter flache Flunder millimetergenau in die Spur auf den Betonplatten der
Piste drückt.
So rast die Tachonadel weiter - bis 300, 305, 310 km/h.
Erst bei 312 km/h zeigt die gelbe Flagge am Rand der Startbahn, dass der
Flugversuch, bitte sehr, unverzüglich abzubrechen ist - sonst droht ein
"Bombeneinschlag" in den heute als Bistro genutzten Gebäudetrakt: 3,5 Kilometer
lang ist die mittlere Startbahn. Abzüglich der Sicherheitszonen stehen uns ca.
2,9 Kilometer für den Beschleunigungstest mit dem neuen Porsche Carrera GT zur
Verfügung. Ein Kilometer mehr, und ich hätte meinen persönlichen Temporekord auf
der Straße auf 330 km/h hochjagen können. Bisher hat den im Porsche Carrera GT
nur Walter Röhrl gefahren. Und er allein hat den Supersportler in Wüsten und auf
Eis viele Tausend Kilometer getestet.
Ob man lernen könne, was er beherrsche, frage ich. Und: Ob
er schon einmal einen schweren Unfall verursacht habe. Beides kann er nicht
uneingeschränkt bejahen. Und man glaubt ihm, wenn er - unglaublich bescheiden
und einfach - sagt: "Das Schlimmste, was ich mir nicht einmal vorstellen will,
ist, einen anderen mit meinem Sport zu beschädigen."
Mehr im Internet
Unter http://www.walter-roehrl.de%22%20target=%22_new/
findet sich alles über den mehrfachen Weltmeister und Buchautor