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Silvester unter weißem Tuch
Samstag, 28. Dezember 2002 04:00 - Von Norbert
Gisder
Professionelle Betriebsamkeit herrschte über Weihnachten
bei einem trainierten Trupp ganz besonderer Berliner Botschafter, die heute aus
dem kleinen Hafen von Pasito Blanco an der Südküste von Gran Canaria auslaufen,
um unter Segeln den Nordatlantik zu runden: Mehr als ein halbes Jahr der
Abenteuer und Entdeckungen unter weißem Tuch stehen den Wassersportlern bevor,
die vom Akademischen Segler Verein, dem A.S.V. Berlin an der Scharfen Lanke, für
einen der wohl attraktivsten Ausbildungstörns der Saison starten. Der führt die
Segel-Asse auf der legendären «Walross III», einer Swan 55 in die karibische
Inselwelt, weiter bis in den Norden der US-amerikanischen Ostküsten-Gewässer und
zurück über den Nordatlantik. An die 100 A.S.V.-ler gelten - in wechselnden
Crews - bei zwei internationalen Regatten als Pokalaspiranten.
16 Meter lang, 4,40 Meter breit und 20 Tonnen schwer ist
die 31 Jahre alte Ausbildungs-Segelyacht der Berliner Studenten. Sie gilt
dennoch als ebenso seetüchtig wie ihre Vorgänger. Auf deren Planken hat die
Segelschulung seit Gründung des A.S.V. vor 116 Jahren durch eine Handvoll
Studenten der Königlich Technischen Hochschule Charlottenburg eine solide
Tradition. Bereits 1888 segelte der Studentenkutter Matador als erste deutsche
Yacht nach Stockholm. In den 30er Jahren segelten die Berliner auf ihrem
Schulschiff Prosit III rund um England und Schottland nach Nordnorwegen. 1972
erreichten Segler des A.S.V. - der einer der Gründungsvereine des Deutschen
Segler-Verbandes ist - mit der Walross II als der ersten deutschen Yacht das
nördliche Eismeer und Spitzbergen.
1974 begann eine besonders intensive Ausbildungsphase; in
jenem Jahr wurde die Walross III in Dienst gestellt. Reisen über den Atlantik,
Teilnahmen an großen Windjammer-Regatten bis nach Australien und zwei
Umrundungen des Kap Hoorn - darunter 1981/82 als einziger deutscher Konkurrent
beim Whitbread Round the World-Rennen - führten die jungen Berliner, die sich im
A.S.V. durch die Hierarchie vom Smut über den technischen und seglerischen
Bootsmann zum Wachführer, Steuermann und bis zum Schiffer hocharbeiten können,
rund um die Erde. Dabei waren das Berliner Schiff und seine Mannschaften immer
zugleich Segelnde und Botschafter des größten Binnen-Wassersportreviers in
Europa: Wann wo ging, setzte man den 240 Quadratmeter großen Spinnaker mit dem
Berliner Bären im Wappen. Die jeweils Regierenden Bürgermeister waren
Schirmherren und gaben Grußbotschaften für Wassersportler und Amts-Kollegen in
den besuchten Städten mit - darunter Sydney, Kapstadt, New York oder
Boston.
Zwei Jahre nach der Teilnahme an der Windjammer-Regatta
«Tall Ships 2000» (nach New York, Boston, Halifax und zurück) segelt die Walross
III nun wieder auf atlantischen Kursen. Schiffer Uwe Schubert (35): «Silvester
auf See - das wollte ich schon immer einmal feiern. Statt Feuerwerk gibt es
Meeresleuchten.» Natürlich hoffen alle auf eine schnelle Reise: 17 bis 19 Tage
für die etwa 3000 Seemeilen bis zum Ziel St. Lucia in der Karibik sind
kalkuliert.
Rund um die Uhr wird Wache gegangen, jeder muss turnusmäßig
ans Ruder. Freiwache und Smut sorgen für das leibliche Wohl. «Verhungert ist an
Bord noch niemand, und gegen das Mensaessen ist die Walross-Kombüse wie ein
Luxusrestaurant», sagt Grete Ernst (22) Studentin der Schiffstechnik, die schon
drei Seereisen auf der Yacht mitmachen durfte, seit sie vor zwei Jahren
ASV-Mitglied wurde.
In der Karibik geht es auf zwei bis drei Wochen langen
Etappen mit wechselnden Mannschaften durch eine wunderschöne Inselwelt. Mit der
Teilnahme an der «Heineken-Regatta» Anfang März auf St. Maarten wird die Arbeit
zwischen Masttopp und Kielschwein härter: Bis dahin wird Maximilian Reichardt
(24), der Vorsitzende des ASV, seinen Posten als Wachführer auf dem Schiff
übernommen haben, das Training für die Teilnahme an der DaimlerChrysler North
Atlantic Challenge (DCNAC) geht in die heiße Phase. Auf den Spuren des Berliner
Forschers Alexander von Humboldt, der mit seinen Reisen durch Süd- und
Mittelamerika vor 200 Jahren seinen Ruhm begründete, werden die Mannschaften des
weit gereisten Süßwasser-Walrosses Muskeln und Teamgeist nicht zuletzt bei der
Umrundung von Kuba stählen, bevor der weiße Schwan mit Heimathafen an der
Scharfen Lanke in Spandau zur Parade an die Ostküsten-Gewässer der USA nach New
York segelt. In Newport, nördlich von New York gelegen, startet am 14. Juni die
rund 3500 Seemeilen lange Transatlantik-Regatta (DCNAC). Mehr als 100
Segelschiffe wollen daran teilnehmen, darunter ein internationales Feld ähnlich
großer Yachten wie Walross III, aber auch brandneue Regatta-Renner, wie der 45
Meter lange Neubau von SAP-Gründer Hasso Plattner und der vor kurzem getaufte
Maxi-Racer Uca von Klaus Murrmann (Kiel).
Die Route führt südlich von Neufundland an einem
vorgegebenen Sicherheitspunkt «Alpha» vorbei, den alle Yachten an ihrer
Backbordseite lassen müssen. Dadurch will die Regattaleitung verhindern, dass es
den Teilnehmern wie einst der Titanic ergeht. Auch im Sommer trifft man in
dieser Gegend häufig auf Eisberge und ihre noch schwerer auszumachenden kleinen,
tonnenschweren «Growler».
Das Wetter auf dieser Route ist unberechenbar. Die
Nordatlantischen Tiefs richten oft bis weit ins Europäische Festland hinein
Unheil an. Wie die großen Windjammer, so segeln auch die DCNAC-Yachten nicht
durch den Englischen Kanal, sondern nehmen Kurs nördlich von Schottland durch
die Nordsee nach Cuxhaven. «Unter 20 Tagen wird wohl nichts werden», sagt
Skipper Burkhart Zipfel (47), «aber wir werden dem Teufel mindestens ein Ohr
absegeln». Er muss es wissen, denn er segelte schon als Student beim legendären
Whitbread-Rennen um die Welt auf der Walross III. Vielleicht kann er des Teufels
Ohr zur Not auch wieder annähen, denn er arbeitet als Chirurg im Deutschen
Herzzentrum Berlin. Die DCNAC-Atlantik-Crew besteht übrigens aus zehn
Seglerinnen und Seglern.
Im Ziel vor Cuxhaven schließt sich der Kreis für die
Teilnehmer. Von dort aus geht es nach Hamburg, wo es vom 4. bis 12. Juli eine
maritime Festwoche zum Abschluss gibt. 10 000 Seemeilen mehr werden Walross
III und einige der Crewmitglieder dann auf dem Salzbuckel haben.
rms/Gis-